• Ein Wort auf den Weg

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Mein Freund Karl

 

Mein Freund Karl setzt das letzte Puzzlestück an den einzigen freien Platz und sagt: „Fertig! 2000 Teile - ein schönes Bild.“ Ich gucke das Puzzle an – es zeigt ein Bild aus unserer Gegend: Halligen und in der Ferne der Deich, ein Zug Gänse am Horizont fliegt in Keilform. Das Watt und das Meer liegen ruhig. Fast meine ich, die Geräusche der Stille am Meer zu hören.Dann bin ich dem Himmel so nah. Er ist endlich einmal frei von Kondensstreifen – die empfinde ich wie Spuren eines Radiergummis. Alles weg in 100 Jahren, denke ich - aber heute will ich darüber nicht mit Karl reden und auch nicht über Greta Thunberg und über den Klimawandel. Er freut sich so. Ich gratuliere ihm und sage: „Das war ein ganzes Stück Arbeit - ich weiß nicht, ob ich die Geduld hätte! Wie bist du zum Puzzeln gekommen?“ Karl antwortet: das erste Puzzle war ein Geschenk. Es lag eine Zeit - aber dann - Puzzeln wurde eine Leidenschaft, noch ein Puzzle, noch ein schwierigeres Motiv, noch mehr Teile: 500, 1000, 2000, … inzwischen puzzle ich nebenbei, immer mal 10 Minuten oder anstatt Fernzusehen.“

Karl schweigt einen Augenblick und dann sagt er: „Weißt du, Puzzeln schenkt mir ein Staunen: versuch dir einmal vorzustellen, aus wieviel Zellen oder gar Atomen ein einziger Fingernagel besteht, oder eine Blume, ein Tier, ein Mensch… Jetzt im Sommer gehe ich durch den Garten, ich sehe die Blumen, die Blätter, die Blüten, Bohnen und Möhren. Alles wächst nach seiner ganz eigenen Ordnung. Und ich brauche manchmal vier Monate, um 2000 Teile zu einem Bild zusammenzusetzen.“ Karl guckt aus dem Fenster und ich sehe mit ihm einen Vogel, ein Rotschwanz, der eine Katze ausschimpft. Er sagt: „Manchmal denke ich: Mein ganzes Leben ist wie ein immer wieder neuer Versuch gewesen, ein Bild herzustellen: Ein Traumbild - zu dem ich und die Menschen an meiner Seite „Ja“ sagen und irgendwann soll Gott bekräftigen: das ist gut so.“

Ingrid, Karls Frau, kommt und sagt: „setzt euch doch auf die Terrasse zum Schach - ich bringe euch eine Tasse Kaffee. Wir nehmen den Kasten mit den Figuren und das Brett - Ich sage: „Irgendwie ist jedes Spiel, wie das Puzzle, ein Bild vom Leben.“ Karl sagt: „Ob du einen Garten anlegst und ihn im Sommer begießt, pflegst und neu bepflanzt, erntest, oder ob du ein Haus baust oder Kinder erziehst, oder ob du eine Predigt schreibst oder ein Auto reparierst, ob du zur Schule gehst oder deinen Tag anders ordnest - alles ist wie das Zusammensetzen eines großen Bildes vom Leben.“

Karl guckt auf das Schachbrett, stellt die Figuren auf, dabei sagt er: „Das Johannesevangelium sagt, dass alles zusammenhängt: Ich bin der Weinstock und mein Vater, also Gott, ist der Weingärtner, ihr seid die Reben.“ Alles hängt zusammen.

Karl puzzelt gern und ich auch – ab und zu.

Jetzt spielen wir Schach. Ich trinke einen Schluck Kaffee und setze meinen Königsbauern zwei Felder vor. Ich werde die italienische Eröffnung spielen.

Ich weiß und Karl weiß, dass das Leben mehr und tiefer und weiter ist als alle Bilder, die wir im Laufe unseres Lebens zusammensetzen.

Erde und Himmel, Luft und Meer, wir, jeder ist ein Teil davon, eine Schöpfung - aber nicht unsere - wir sind freie Mitarbeiter Gottes. Das „Ja“ zum Leben lässt sich nicht teilen. Es gilt, das Miteinander und Füreinander, Vertrauen, Hoffnung, Liebe, Achtung und Glaube zu bewahren - für das Leben der Kinder, in einer bewahrten Schöpfung, und - mit bewahrten Seelen. Die Schönheit der Natur, die Menschen gerade in unserer Zeit in unzähligen Bildern festzuhalten suchen, braucht die Schönheit der Seelen, sie braucht die Schönheit der Worte und der Gedanken - sie braucht immer wieder Gott, damit wir nicht mehr einander und die Schöpfung kreuzigen.

Eigentlich erzählt auch jedes Puzzle von dieser Sehnsucht nach dem Gelingen des Lebens.

2000 Teile schafft ein Mensch in vier Monaten, jedenfalls mein Freund Karl, aber für das Leben braucht es Gott.

                                                                Pastor Herbert Jeute          

 

 

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